"Mir ging der Arsch auf Grundeis."

Julian und Philipp Klietz - getrennt durch eine Plexiglas-Scheibe
Julian und Philipp Klietz - getrennt durch eine Plexiglas-Scheibe

18. Juni 2020

Philipp und Julian Klietz führen die filmagenturplus AV22 in Euskirchen und sind darüber hinaus auch noch Brüder. Im Interview berichten sie von der „Corona-Zeit“ und warum ihnen zwischenzeitlich der „Arsch auf Grundeis“ ging.

Als nicht „systemrelevantes“ Unternehmen mit viel persönlichem Kundenkontakt wurden Euch zu Beginn der Corona-Zeit fast alle Aufträge abgesagt. Ihr musstet Soforthilfe und Kredite in Anspruch nehmen und auch Personal reduzieren. Ihr seid nun die einzigen beiden Vollzeitkräfte in Eurer Filmagentur. Wie hat sich Euer Arbeitsalltag verändert?

Julian Klietz: Ich finde, jeder Tag ist anders, weil wir in so viele verschiedene Richtungen gedacht und uns fast stündlich neu ausgerichtet haben, um zu gucken, wo es mit uns hingehen kann.

Philipp Klietz: Mein Arbeitsalltag hat sich auf jeden Fall verändert. Ich arbeite wieder mehr operativ. Ich schneide wieder mehr, ich drehe wieder mehr, ich bin einfach mehr „on the road again“.

Julian: Wir sind auf jeden Fall mehr zusammen, mehr unterwegs.

Philipp: Macht auch Spaß. Was sich für mich auf jeden Fall verändert hat, ist weniger Verwaltung und Organisation, dafür mehr Kreativität.

Julian: Die Kreativität hat extrem zugenommen, schon alleine deshalb, weil wir eine Zeit lang sehr wenig zu tun hatten. Und bei mir ist Freiraum immer das, was Kreativität fördert.

Wer kümmert sich bei Euch um was? Klappt das gut? Trennt Ihr Familie und Beruf?

Philipp: Ich kümmere mich nach wie vor um die Geschäftsführung und die Buchhaltung und nun auch wieder mehr um den Schnitt und die Kamera.

Julian: Wir teilen unsere Projekte auf und jeder hat Fachgebiete, die er jetzt mit übernimmt. Ich habe jetzt mehr Ton in die Hand genommen. Das, was wir selber stemmen können, stemmen wir selbst.

Philipp: Ich finde, das klappt ganz hervorragend. Das merkt man auch daran, dass wir uns eigentlich gar nicht großartig absprechen müssen. Jeder weiß, was er zu tun hat und dass er sich blind auf den anderen verlassen kann.

Julian: Es ist vielleicht ein Riesen-Vorteil, dass wir uns schon ein bisschen kennen und dass, wenn wir Absprachen treffen wollen, uns nicht vorher Gedanken machen müssen, wie wir das formulieren.

Philipp: Ja, das stimmt wohl.

Julian: Ja, das geht einfach raus.

Philipp: Familie und Beruf trennen? Das geht zwischen uns nicht. Wir unterhalten uns sowohl im Büro über unsere Familie als auch bei Familienfeiern über unseren Beruf. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Es ist ja auch nicht nur Beruf, es ist ja auch aus einem Hobby heraus entstanden – ursprünglich. Ich habe Filme gedreht mit Klassenkameraden und daraus ist dann irgendwann mein Berufswunsch entstanden.

Julian: Bei mir ist es relativ leicht. Ich bin für alles zu begeistern, was im Entferntesten mit Technik zu tun hat. Und das haben wir hier.

Wenn Ihr die Kundenbedürfnisse mit letztem Jahr vergleicht: Welche Dienstleistungen werden mehr, welche weniger nachgefragt?

Julian: Die klassischen Drehs bleiben weitestgehend aus. Wir machen zwar den ein oder anderen, aber da gibt es natürlich extreme Vorbehalte, was Corona-Sicherheit angeht. Und das ist ja auch völlig normal und völlig in Ordnung. Ich denke auch, dass in den Köpfen der Leute das Drehen nicht mehr stattgefunden hat.

Philipp: Ich stelle fest, dass die Kunden weiterhin Filme haben wollen, um ihre Botschaften zu kommunizieren. Ein Thema waren auf jeden Fall die Videokonferenzen und Videokonferenz-Mitschnitte, um dann daraus nachher wieder Filme zu erstellen. Und das Thema Streaming war plötzlich in aller Munde.

Julian: Genau, die Kunden wollten professionelle Kameras für ihre Streaming-Umgebung. Sei es für eine Videokonferenz oder für einen Livestream auf eine Website oder zu einem Social-Media-Kanal.

NRW-Soforthilfe, Kredite, Kurzarbeit, Stundungen, Einsparung von Personal: War das alles ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Philipp: Ne, war es nicht. Wenn wir die Soforthilfe, die Kredite und die Stundungen nicht bekommen hätten, wären wir als Firma nicht mehr hier. Aber es waren ja nicht nur die Stundungen, es waren auch die Kunden, die uns dankenswerterweise zum Teil noch unterstützt haben. Wir hatten Kunden, die uns angerufen und gefragt haben, wie es uns geht. Die wollten ehrlich wissen, wie es uns geht. Das war nicht nur so eine Floskel. Die haben uns gesagt, wir versuchen Euch irgendwie mit Aufträgen zu versorgen. Was bringt uns das denn, und jetzt zitiere ich, „wenn wir das jetzt nicht machen und Ihr uns nach der Krise nicht mehr zur Verfügung steht, wir nicht mehr wissen, wen wir dann beauftragen sollen?“. Das war ein ganz starkes solidarisches Statement. Jeder, der sich noch um andere kümmern kann, da habe ich größten Respekt vor in diesen Zeiten.

Einen richtig großen Kredit haben wir in Anspruch genommen, der uns geholfen hat, gestundete Leasingbeiträge, Sozialversicherungsbeiträge, Miete und Steuern zurückzuzahlen. Damit sich das alles wieder ein bisschen beruhigt.

Wo wird Eure Filmagentur nächstes Jahr stehen?

Philipp: Wenn ich das wüsste?

Werdet Ihr die Krise überstanden haben? Werdet Ihr womöglich sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Philipp: Da bin ich sogar ziemlich sicher. Unterkriegen lassen wir uns nicht. Wir werden die Krise auch überstehen. In welcher Form, wissen wir nicht. Die neuen Geschäftsfelder sind professionelle Streamings, auch in Videokonferenzen, Kongresse und Webinare. Wir haben große Lust, das auszubauen.

Julian: Absolut!

Philipp: Das ist ein ganz anderes Arbeiten.

Julian: Es ist auch frei skalierbar. Es ist von ganz groß bis ganz klein alles denkbar.

Philipp: Was das Coolste an der Geschichte ist, wir können auch klein, das können die wenigsten. Wir können das mit zwei Mann machen. Wie das Grillseminar, das machen wir auch zu zweit. Sieht nicht danach aus.

Julian: Genau! Das ist die Freiheit, die wir jetzt wieder haben, dass wir eben auch die kleinen Sachen machen können, dass die sich auch wieder lohnen, dass wir nicht verpflichtet sind, die höchsten Umsätze zu haben.

Philipp: Das bringt mich noch mal zu der vorherigen Frage, zu einem traurigen Aspekt. Wir mussten nicht nur die Soforthilfe und Kredite in Anspruch nehmen. Wir mussten auch unsere Fixkosten reduzieren, mussten Personalkosten einsparen, damit wir nach der Krise in der Lage sind, die in Anspruch genommenen Kredite wieder zurückzuzahlen. Mal ganz platt: Wie will ich zusätzliche Belastungen zurückzahlen bei gleichen wirtschaftlichen Erträgen und gleichen Fixkosten wie vor der Krise? Das geht nicht. Daran werden viele noch zu knabbern haben.

Also, ich glaube, dass wir gestärkt aus der Krise hervorgehen. Unsere Filmagentur wird es nächstes Jahr noch geben. Wir werden stark stehen. Wir werden mit neuen Geschäftsmodellen dastehen, die sich jetzt entwickelt, jetzt professionalisiert haben. Flexibel und kostengünstig für den Kunden und rentabel für uns.

Julian: Und es hat sich gezeigt, dass in der Krise alle plötzlich ein bisschen anders ticken und versuchen, wie man gut zusammenarbeiten kann. Auch mit anderen Firmen. Wir haben tolle Partner gewonnen. Auch hier in der Region.

Gibt es etwas, das Ihr Euch von den Behörden wünscht?

Philipp: Ich muss mal ein ganz großes Lob an die Behörden aussprechen. Das, was die Behörden in dieser Zeit an Flexibilität und Einsatzbereitschaft gezeigt haben, das habe ich so noch nie erfahren. Mit den Stundungen. Mit der Soforthilfe. Das war für mich unglaublich. Dass so etwas möglich ist. Und ich glaube, wir können ganz schön froh sein, dass das bei uns so gut funktioniert hat. Wir haben die Soforthilfe sonntags beantragt und eine Woche später war sie auf unserem Konto. Geschäftlich haben wir uns super unterstützt gefühlt.

Gibt es etwas, das Ihr Euch von Euren Kunden wünscht?

Philipp: Mut!

Julian: Mut ist super. Wir haben mutige Kunden.

Philipp: Ja, wir konnten denen zeigen, was wir können, dass wir schlagkräftig sind, dass wir flexibel sind, dass wir innerhalb kürzester Zeit riesige Produktionen auf die Beine stellen können, dass wir zu zweit 13 Gewerke koordiniert haben. Wir haben innerhalb einer Woche, über Ostern, eine riesige Produktion auf die Beine gestellt, das war ein Livestream mit 2.500 Teilnehmern – weltweit.

Gerade in so einer Zeit ist es wichtig, den Experten zu vertrauen. Experten in Sachen Filmproduktion, in Sachen Streaming, in Sachen Kreativität. Wir sind dazu da, die Botschaften eines Unternehmens zielgruppenadäquat zu transformieren, nach modernen Produktionsgesichtspunkten, die wir einfach besser kennen als der Kunde.

Julian: Wir als Freidenker können die Technik auch so benutzen, wie sie vorher vielleicht noch nicht benutzt wurde. Wir können Dinge kombinieren, die dafür vielleicht nicht gedacht waren, aber so wunderbar funktionieren – eben an die Gegebenheiten angepasst.

Philipp: Die größte Erkenntnis war, aus einer Kamera eine Drei-Kamera-Produktion zu machen. Aber wie das geht, bleibt unser Geheimnis. Wir haben angefangen, von Standards abzuweichen.

Julian: Bei uns macht jeder zwei oder sogar drei Jobs gleichzeitig.

Philipp: Das macht kaum jemand anderes so. Also ich kenne es nicht.

Julian: Das ist das, was funktioniert, wenn man mit wenig Personal und großen Corona-bedingten Abständen arbeiten muss.

Hand aufs Herz: Ging Euch zwischenzeitlich der „Arsch auf Grundeis?“

Philipp: Also, mir ging der Arsch auf Grundeis. Ich war an dem Punkt, wo ich gesagt habe, ich glaube, ich höre auf, ich glaube, ich lasse es einfach. Ich habe keine Lust mehr. Ich mache den Laden jetzt zu.

Julian: Zwei-Wochen-Schock.

Philipp: Meine Nerven lagen blank. Das hat sich leider auch auf meine Kollegen ausgewirkt. Ich konnte das nicht von meinen Kollegen fernhalten. Das ging nicht. Ich hatte so eine Situation vorher noch nie erlebt, keiner von uns. Das tut mir immer noch leid. Ich weiß jetzt, was eine Krise mit einem machen kann, wenn man so viel Verantwortung trägt. Ich brauchte da jemanden, der mich an die Hand nimmt und mich da so durch leitet. Das war unser Vater. Ohne den hätte ich das nicht geschafft.

Julian: Der hat die Ruhe weg.

Philipp: Der hat die Ruhe weg. Genau. Steuerberater übrigens. Kann ich nur empfehlen.

Julian: Es kam auch die richtige Produktion zum richtigen Zeitpunkt, die uns den „Arsch“ gerettet hat.

Philipp: Und wir haben uns frühzeitig um Kredite gekümmert. Wenn wir das nicht gemacht hätten, ich weiß nicht…

 

Interview: Johanna Klietz